Sonntag, 27. November 2016 – 1. Advent

Der Stern von Ameland

Von Hanna Buiting

Es sollte ein ganz besonders schönes Weihnachtsfest werden. Denn in diesem Jahr hatten sich die Bewohner der Insel Ameland dazu entschieden, nicht Sinterklaas am 5.Dezember groß zu feiern, sondern den Heiligen Abend. Genau wie ihre deutschen Freunde und Gäste. Man müsse ein wenig internationaler werden, hatte die Inselbehörde allen Haushalten in einem offiziellen Schreiben verkündet. Keine Sinterklaas-Bräuche wie sonst, sondern waschechte Weihnachten. Mit Weihnachtsmarkt, Christbaum und Gänsebraten.

Zuerst hatten einige Insulaner gemurrt und gemeckert. Besonders die Älteren von ihnen. Was das werden solle, dieses Vergessen von Traditionen? Weihnachten, das kann ja jeder. Aber Nikolaus? Da macht den Niederländern keiner so leicht etwas vor. Doch der Tourismusverband, dem besonders der Ameländer Bürgermeister zugeneigt war, hatte sich durchgesetzt. Weihnachten auf Probe. Nur dieses eine Mal. Wenn das nicht die Urlauberzahlen und Souvenirverkäufe in die Höhe treiben würde, könne man ja dann im nächsten Jahr wieder Nikolaus feiern.

So hatten schon im November die Vorbereitungen begonnen. Christbäume wurden geschlagen, in Hollum eröffnete der erste Weihnachtsmarkt und beinah die ganze Insel wurde mit Lichterketten und Lametta verziert. Sogar die Fähren zum Festland wurden damit eingewickelt. Allmählich kam bei allen die Vorfreude auf. Die Besucher waren begeistert und auch die Älteren mussten zugeben, dass Glühwein und Eierpunsch ganz schön lecker schmecken kann. Überall duftete es nach selbstgebackenen Plätzchen und gebrannten Mandeln und vor allem die Kinder freuten sich auf dieses irgendwie neue Fest. Nur, dass sie ein paar Tage länger auf ihre Geschenke warten mussten, als normalerweise, störte sie ein bisschen. Dafür versprachen ihnen die Erwachsenen ein paar Päckchen mehr. Und damit waren dann doch alle sehr zufrieden.

Gegen Mittag des 24.Dezembers jedoch begann es zu schneien. Wolken groß wie Riesen türmten sich über Ameland auf und ließen tausend und abertausende Flocken zu Boden fallen. Die Kinder stürmten hinaus ins Freie, bewarfen sich mit Schneebällen, bauten Schneemänner und Schneefrauen und auch ein paar Schneekinder. Nur zum Schlittenfahren fehlten ihnen leider die nötigen Berge.

Es hätte ein Weihnachtsfest wie im Bilderbuch werden können, wäre das Schneetreiben und der Wintersturm nicht im Laufe des Tages so stark geworden, dass der Strom ausfiel. Besorgte Ameländer liefen hinaus auf die kleinen Straßen ihrer Dörfer, klopften bei Nachbarn, um zu sehen, ob dort noch Licht brannte und mussten doch schnell feststellen, dass sie alle im Dunkeln saßen. „Wie sollen wir so um Himmelswillen eine Gans braten?“, fragte man sich. „Fondue können wir auch vergessen.“ „Wir haben auf keinen Fall genug Kerzen für den ganzen Abend.“ „Nicht mal die Fähre kann mehr übersetzen und wir warten doch noch auf ein paar Geschenke vom Festland.“ So hatten sie sich ihr erstes Weihnachtsfest nicht vorgestellt. Einige Kinder begannen zu weinen. Es wurde dunkler und dunkler und der Wind fegte so heftig um die Häuser, dass es selbst echten Inselkindern ein wenig bang wurde. Sogar die Inselwendemaschine musste stillgelegt werden. „Es bleibt uns wohl nichts übrig, als Brote zu essen und früh zu Bett zu gehen. Hätten wir doch nur Sinterklaas gefeiert und nicht Weihnachten.“

Einige wollten sich tatsächlich schon in ihren Häusern einschließen und unter die Bettdecken kuscheln, da fiel jemandem auf, dass es etwas gab, dem der Sturm scheinbar nichts hatte anhaben können. In den immer gleichen Abständen huschte ein Lichtschein durch die Zimmer. Vertraut wie der Herzschlag der Insel. Der Leuchtturm. „Bei Pieter brennt noch Licht!“, rief eins der Kinder. Und ein anderes schlug vor, doch dort Weihnachten zu feiern. Erst waren die Erwachsenen dagegen. Zu ungemütlich schien ihnen das Wetter, um jetzt noch einmal rauszugehen. Doch es war Heiligabend. Weihnachten. Und das doch irgendwie das Fest der Kinder. Also gut, sagten sich die Inselbewohner, zogen ihre dicksten Mäntel, Schuhe und Mützen an, nahmen die alten Öllämpchen mit, die seit Ewigkeiten niemand mehr benutzt hatte und machten sich auf den Weg. Immer die Straßen entlang, an Feldern und Wiesen vorbei, dem Licht entgegen. Sie brauchten lange, bis sie am Leuchtturm ankamen. Der Sturm erschwerte jeden ihrer Schritte und doch stemmten sie sich dem Wind entgegen.

Als sie endlich am Leuchtturm ankamen, mussten sie feststellen, dass sie nicht die einzigen waren, die die Idee hatten, dort Weihnachten zu feiern. Rund um den Leuchtturm herum parkten Autos, Menschen liefen eilig hin und her, trugen immer mehr Dinge in das erleuchtete Haus. Im Türrahmen stand Pieter, der Leuchtturmwärter und begrüßte sie alle. „Vrolijk Kerstfeest! Fröhliche Weihnachten! Kommt schnell herein!“

Im Inneren des Leuchtturms war es warm. Auf jeder Treppenstufe, die nach oben führte, stand eine Kerze. Auf jeder Ebene wartete ein geschmückter Weihnachtsbaum. Der ganze Turm duftete nach Glühwein und Kinderpunsch. Alle hatten etwas mitgebracht. Kerzen und Gaskocher, Tannenbäume und Christbaumkugeln, Punsch und Plätzchen, Kissen und Decken. So gemütlich war der Leuchtturm noch nie gewesen. Und auch noch nie so voller Menschen. Alle Ameländer Familien waren gekommen. Die De Jongs und die Metz, die Bakkers und die Fissers. Aus Hollum, Ballum, Nes und Buren. Auf jedem Treppenabsatz saßen Menschen beisammen, erzählten Geschichten von Sinterklaas und Zwarte Piet, sangen Weihnachtslieder, prosteten einander mit Glühwein und Nobeltje zu. Für die Kinder gab es Geschenke, die die Besitzerinnen von Novy und de Markthal mitgebracht hatten und Pieter, der Leuchtturmwärter erzählte allen, dass der Stern von Bethlehem bestimmt in Wirklichkeit ein Leuchtturm gewesen war.

Sie alle blieben lange auf in dieser Nacht. Sahen zu, wie sich der Sturm langsam legte und ihre geliebte Insel weiß von Schnee blieb. Sahen zu, wie in ihren Häusern im Dorf die Lichter wieder angingen. Doch sie hatten es nicht eilig nach Hause zu kommen, zu heilig war ihnen diese Nacht. Zu still und friedlich.

Ein Kind lehnte sich schläfrig an die Seite des Leuchtturmwärters. Kurz bevor es einschlief murmelte es „Das war das allerschönste Weihnachtsfest, das wir je hatten.“ Und das lag wohl nicht nur daran, dass es auch das erste gewesen war.

 

Und jetzt ihr!

Habt ihr Lust, eigene Weihnachtsgeschichten zu schreiben und sie mit anderen zu teilen? Dann schickt uns doch eure Texte an info@ameland.anner.ruhr

Unter den schönsten Einsendungen verlosen wir dreimal das Adventskalenderbuch „Vom Warten, Wundern und Wenigeristmehr“ von Hanna Buiting. Außerdem werden eure Geschichten ebenfalls auf dieser Homepage veröffentlicht, wenn ihr das möchtet.

Wir freuen uns auf eure Ideen!

 

 

 

 

2 Antworten

  1. Oooh, wie schön! Ich will zurück nach Ameland! Treffpunkt 24.12. Leuchtturm? Die 236 Kerzen für die Stufen nicht vergessen! An St. Hubertus gibt es aber auch reichlich Stufen…

  2. Danke, Hanna, für die schöne Geschichte. Und danke, lieber Ameland – Team, für die schöne Idee. Man ist ja nie zu alt für einen Adventskalender ?. Liebe Grüße, Andrea

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