Dienstag, 6. Dezember 2016

Sinterklaas auf Ameland

von Vera Booms

Es ist der Tag vor Nikolaus. Das Wetter auf Ameland ist kalt und stürmisch. Biene kommt gerade verfroren mit ihren Freunden Maxi und Floh vom Leuchtturm zurück, wo sie nachgesehen haben, wie es mit dem Anstrich vorangeht. „Eigentlich war es doch ganz cool, den Leuchtturm für eine Kunstaktion blau anzumalen“, findet Floh. Das kann Biene gar nicht verstehen. „Der Leuchtturm sieht in rot und weiß viel besser aus! Es ist gut, dass er gerade wieder in seinen Originalzustand zurückversetzt wird.“  Sie betreten den Aufenthaltsraum.

„Iiieh, was stinkt denn hier so?“ Biene hält sich die Nase zu. „Wieso, riecht doch toll!“ schwärmt ihre Freundin Maxi. Sie hebt die Nase und läuft wie ein Spürhund, der Witterung aufgenommen hat, dem Geruch nach. „Vielleicht sind es Fischstäbchen? Die gibt es doch immer hier auf Ameland.“ Maxi wird magisch von der Küchentür angezogen. Biene schüttelt sich. Eigentlich hat sie nichts gegen Fisch, aber das hier… „Riecht irgendwie komisch!“ ergänzt Floh laut, was sie gerade gedacht hat. „Nicht nach Fischstäbchen, sondern mehr nach Tierfutter.“ Maxi hat die Tür erreicht und zögert keine Sekunde, sie zu öffnen. „I-aah!“ trompetet es ihr fröhlich entgegen. Mit einem Satz ist Biene bei Maxi und versucht sich an der runden Freundin vorbei zu quetschen. Doch da ist sie an der falschen Adresse. „Hinten anstellen! Ich probiere zuerst.“ Beim Essen hört bei Maxi die Freundschaft auf. Als ob Biene dieses Zeug, was es auch immer ist, probieren wollte.

»Besuch«

Aber das Trompeten war doch eindeutig der kleine Eselspinguin, der sie schon seit drei Jahren auf Ameland besucht. „Hummels!“ ruft sie ihn, weil bei Maxi kein Durchkommen ist. Und da windet sich tatsächlich ein kleines, schnatterndes, schwarz-weißes Etwas durch Maxis Beine und hopst auf Bienes Arm. Biene durchströmt ein warmes Glücksgefühl. Hummels ist auf der Insel! Obwohl es Dezember ist. Biene selbst war noch nie im Dezember hier. Denn diese kleine Nikolausfreizeit, die nur aus wenigen Leitern und Kindern besteht, gibt es zum ersten Mal. Sie drückt Hummels an sich. Floh, der neben ihr steht, streicht dem Pinguin vorsichtig über die schwarzen Federn. Der lässt sich das gerne gefallen. „Wenn er ein Kater wäre, würde er jetzt schnurren!“ sagt Biene leise zu Floh.

Sie gehen zusammen in die Küche, wo Maxi schon am großen Küchentisch steht und interessiert Tessa bei der Arbeit zusieht. Biene hat schon erwartet, sie hier zu sehen. Wo ihr Hummels schnattert, ist Tessa nicht weit weg. Aber was macht das Zirkusmädchen da? Auf dem Tisch steht eine große Backschüssel mit Teig, dort sind eine Teigrolle, Ausstechförmchen und ein Backblech. Eine Mehltüte ist umgekippt und hat alles mit einer weißen Schicht überzogen. Auch den Handmixer, der mit Knethaken bestückt auf der Seite liegt. Haferflocken liegen wie Konfetti herum. Ein zerbrochenes Ei verteilt sich und tropft an der Tischkante hinunter. Auf der bemehlten Tischplatte lassen sich deutlich die Spuren von breiten Vogelfüßen erkennen. Aus Tessas Pferdeschwanz habe sich Strähnchen gelöst und hängen wirr herum. Mehlspuren zieren ihr rotes und verschwitztes Gesicht. Ihre Schürze ist bekleckert und sie steht mit hoch erhobenem Kochlöffel da, als müsste sie den Tisch verteidigen. „Gut, dass ihr kommst!“ ruft sie erleichtert, als sie die Freunde sieht. „Halt die Pinguin fest!“ Biene hat kaum Zeit, sich zu wundern, da zappelt sich Hummels von ihrem Arm, springt schnell auf den Tisch und nimmt Kurs auf die Backschüssel. Tessa reißt sie an sich und Hummels pickt ins Leere. Doch dann hat er einen Eierkarton entdeckt und wirft ihn mit seinem Schnabel komplett vom Tisch. Der Karton geht in der Luft auf und die Eier zerplatzen auf dem Fußboden. Hummels springt entschlossen hinterher und fängt schmatzend an, die Eierpampe vom Boden zu verspeisen.

„Was ist denn hier los?“ fragt Biene verdattert. „Ik versuche, koekje zu bakken“, antwortet Tessa entnervt. „Koekje?“ Biene versteht nicht. „Plätzchen“, übersetzt Maxi, die wieder gut informiert ist. „Koekje ist das niederländische Wort für Plätzchen. Heute ist doch Nikolausabend. Wenn das kein Anlass ist! Ach, Tessa, lass mich doch mal den Teig probieren!“ Sie steht neben Tessa und streckt den Finger nach der Schüssel aus. Erst will sich Tessa mit der Schüssel wegdrehen, doch dann grinst sie und bietet an: „Hier, Maxi, gerne!“ Statt nur mit dem Finger ein bisschen zu nehmen, schnappt sich Maxi einen Löffel und holt eine gute Portion Teig aus der Schüssel. Biene liegt schon ein passender Spruch auf der Zunge, doch als sie merkt, dass Tessas Grinsen immer breiter wird, wartet sie ab, was passiert.

Maxi packt sich strahlend die ganze Fuhre Teig in den Mund und fängt an zu kauen. Es ist nun still in der Küche bis auf das leise Schmatzen von Hummels, der zufrieden die Eier aufschlabbert. Da verändert sich Maxis Gesicht. Sie kaut zögernder. Die Freude weicht, sie sieht zunächst unentschlossen aus, dann zweifelnd, schließlich angeekelt und am Ende stürzt sie zum Mülleimer und spuckt den Teig aus. „Pfui Spinne, was ist das denn?“ kreischt sie, rast zum Wasserhahn und will ihn aufdrehen. „Warum kommt hier denn kein Wasser?“ jammert sie, als die komplizierte Armatur streikt. Tessa stellt die Backschüssel auf einem Stuhl ab, legt einen zusätzlichen Hebel um, das Wasser fließt und Maxi spült sich lautstark würgend den Mund aus. Tessa, Floh und Biene müssen lachen. Das Chaos in der Küche, Hummels und die Eier und jetzt noch Maxi, die wegen ihrer Naschsucht reingefallen ist. Sie können gar nicht mehr aufhören zu lachen und Maxi stimmt schließlich ein. „Was… was ist das für ein Zeug?“ prustet sie mühsam zwischen zwei Lachattacken vor. „Viskoekjes!“ johlt Tessa gackernd. „Fischkekse für die Pinguin für Sinterklaas!“

Floh kriegt kaum noch Luft: „Du… backst Plätzchen aus Fischteig für… für Nikolaus?“ Hummels ist mit den Eiern fertig und freut sich sichtlich, dass so gute Laune herrscht. Er schlägt begeistert mit den Flügelchen. Wie zufällig hopst er dabei in die Nähe der Backschüssel, die jetzt unbeaufsichtigt ist. Biene, die ein bisschen zu Atem gekommen ist, sieht, wie er geschickt auf den Stuhl klettert, auf dem Tessa die Schüssel abgesetzt hat. Von den anderen merkt niemand etwas vor lauter Lachen. Und der kleine Eselspinguin müsste den Fischteig gut vertragen, der extra für ihn angerührt wurde. Und so freut sich Biene still, dass es Hummels schmeckt. Er pickt nach und nach den ganzen Teig aus der Schüssel, wobei er immer wieder zu Tessa hinüberschielt. Doch die ist beschäftigt, denn der Küchenwecker hat schon ausdauernd gepiepst, bevor ihn jemand in dem Tumult gehört hat. Tessa holt appetitlich braun gebackene Kekse aus dem Backofen. Der Fischgeruch, den sie im Aufenthaltsraum wahrgenommen haben, wird intensiver. „Das sind ja wirklich Fischkekse!“ staunt Maxi, als sie sieht, dass Tessa sogar einen Fischausstecher benutzt hat. „Ja, Visform und Visgeschmack!“ bestätigt Tessa stolz. „Sinterklaas soll sie uns bringen, aber ich werde nicht fertig, weil die freche Vogel immer stört.“ Sie dreht sich zu Hummels um, der schon längst wieder vom Stuhl gehopst ist, sich vor Tessa aufgebaut hat und sie mit schief gelegtem Köpfchen sehr niedlich anguckt.

»mhhhh«

„So ein Schlitzohr!“ denkt Biene, bevor sie laut vorschlägt: „Wie wäre es denn, wenn Maxi und Floh draußen mit Hummels spielen und wir beiden hier weiterbacken?“ Maxi und Floh sind sofort Feuer und Flamme und ziehen mit Hummels los. „Ik hatte hier schon neue Teig vorbereitet!“ Tessa greift nach der Backschüssel. Ungläubig schaut sie hinein: „Sie ist leer! Ik bin sicher, ik hatte schon Teig gemaakt! Ik bin schon ganz verworren!“ Biene lacht: „Du hast doch sicher genug eingekauft. Wir machen schnell neuen Teig.“

Bald ist aus einer Dose Thunfisch, Mehl, Ei und Haferflocken ein neuer Teig bereitet. Die Mädchen rollen die Masse flach und stechen Fische aus. Ohne den hungrigen Pinguin geht es richtig flott und die beiden haben viel Spaß. „Woher hast du das Rezept?“ will Biene wissen, als sie auf das letzte Blech warten. „Es ist eine Recept für Katzenkoekje. Das hat meine Tante immer gebacken und seit meiner Pinguin mal ein gekostet hat, ist er ganz verrückt danach“, erklärt Tessa. „Aber er soll nicht so viele auf einmal haben. Es ist etwas Besonderes. Wir verpacken die Koekjes in kleine Zakjes.“ Sie schwenkt ein Paket Zellophantüten. „Wozu sind die kleinen Flaschen?“ fragt Biene weiter. „Sie sehen aus wie die Sandfläschchen, die wir im Herbst gemacht haben.“ Tessa erklärt: „Ik habe Laus gefragt, ob ik welche haben kann. Ik möchte Levertraan abfüllen.“ „Lebertran?“ Biene schüttelt sich. „Willst du Hummels ärgern?“ „Ne, ne, er findet ganz lekker“, lacht Tessa.

Sie packen die Fischkekse in die Plätzchentüten, füllen Lebertran in die Fläschchen und stellen sogar noch schöne Etiketten her. Biene malt einen Adventskranz, der anstelle von Kerzen vier Leuchttürme hat. Zwei sind erleuchtet und die anderen beiden sind aus. „Zweiter Advent“, nickt Tessa anerkennend. „Das passt goed!“ Sie bereiten noch einen großen Topf Kinderpunsch zu. Der süßlich-adventliche Duft füllt die Küche. Da kommen Floh und Maxi mit Hummels zurück und alle machen es sich am großen Küchentisch mit heißem Punsch gemütlich. Hummels hat sich unter den Tisch gelegt und macht keinen Versuch mehr, an die Kekse zu kommen. „Ihm liegt wohl noch der Teig im Magen“, denkt Biene. Tessa erzählt vom Nikolausfest. „In die Niederlande ist Sinterklaas eine große Sache. Er kommt schon in Mitte November mit einem Schiff aus Spanien gefahre und hat seine Helfer dabei. Sie heißen alle Piet. Tausende Kinder erwarten ihn. Am Nikolaustag, bei uns heute, die 5. Dezember, reitet er mit seine weiße Pferd Amerigo über die Dächern und legt kleine Geschenkjes in die Schuhe.“ „Meine Schuhe stelle ich auch immer gut geputzt vor die Tür! Am nächsten Morgen sind herrliche Leckereien darin.“

Maxi bekommt einen schwärmerischen Ausdruck im Gesicht. Sie greift nach einem zerbrochenen Fischkeks, den Biene und Tessa nicht eingepackt haben. „Maxi?“ fragt Floh. „Vorhin hast du den Teig ausgespuckt. Es sind immer noch die gleichen Kekse.“ Maxi schnuppert an dem Keks. „Vorhin hatte ich auch mit süßem Teig gerechnet und hatte dann plötzlich den Fischgeschmack im Mund. Deshalb fand ich es… naja… ungewohnt. Den fertigen Keks probiere ich jetzt gerne. Er riecht ziemlich gut.“ Fassungslos schauen Biene, Floh und Tessa zu, wie Maxi den Keks zum Mund führt. Als sie hineinbeißt, macht Tessa leise: „Miau!“ Biene platzt laut lachend los. Floh guckt verständnislos, und weil Biene vor Lachen nicht sprechen kann, raunt Tessa ihm zu: „Katzenkoekjes!“ Da grinst er breit. Doch Maxi, die Sticheleien gewohnt ist, verspeist ungerührt den Fischkeks. „Gar nicht schlecht!“ lautet ihr Kommentar. „Mit dir kann man nirgendwo hingehen“, stichelt Biene. „Wir hatten doch vor ein paar Tagen zu Hause diese tolle Aktion bei den Kochfrauen“, erklärt sie Tessa. „Es war wie eine typisch amelander Mittagspause. Mit Kuchen, Äpfeln und Plörre. War total witzig, wie Ameland mitten in Essen. Und was macht Maxi? Schleicht von Teller zu Teller und plündert alles. Erst Stück für Stück vom Kuchen und dann noch die Äpfel. Richtig verfressen!“

»Am Abend«

Am Abend schleichen sie sich hinunter in die Küche, um Fischkekse und Lebertran zu holen. Hummels schläft schon. Vor ihrem Zimmer haben sie ihre ordentlich geputzten Schuhe aufgereiht. Weil Hummels keine Schuhe besitzt, hat Tessa ein Paar Schwimmflossen hingestellt. Vor der Küchentür bleiben sie stehen und lauschen. „Gar nichts zu hören heute“, wundert sich Biene. „Sind die Leiter schon alle im Bett?“ Sie gehen in die stille Küche. Man hört nur den Wind an den Fenstern rütteln. „Hier ist wirklich kein Mensch! Draußen sind sie bestimmt nicht, bei dem Wetter“, meint Floh. „Wo sind denn jetzt die Sachen für Hummels?“ Er blickt suchend über den leeren Tisch und die Regale. „Wir hatten sie hier auf die Arbeitsplatte gelegt, direkt neben die große Pfanne“, erklärt Biene. „Tessa, hast du sie schon beiseite getan?“ „Ik? Nee! Maxi, hast du etwa…!?“ Maxi hebt die Hände. „Ich habe wirklich nichts von den Sachen für Hummels genommen. Aber vielleicht war er selber schon daran? Als wir ihn heute Abend mit Heringen füttern wollten, mochte er doch gar nichts fressen.“ „Das wäre slimm!“ Tessa sieht besorgt aus. „Ik sehe keine Reste von die Zakjes. Dann muss er die Koekjes zusammen mit die Cellofaan verschluckt haben. Oder hat er sie geworfen weg?“ Sie schaut in den Mülleimer. „Bei ihm man weiß nie!“ „Ich glaube nicht, dass Hummels an den Keksen war.“ Biene entschließt sich jetzt doch zu petzen. „Er hatte die ganze Teigschüssel leergefressen, Tessa. Als du die Kekse aus dem Ofen geholt hast, ist er auf den Stuhl gesprungen und hat die Schüssel leergeschleckt. Deshalb mochte er sein Abendessen nicht. Er war einfach pappsatt!“ Tessa ist erleichtert: „So ein vreetzak! Dann ik verstehe. Und ik hatte doch rechts, dass ik hatte Teig gemaakt!“ Maxi grinst. „Na, na, wer wird den armen Hummels denn da als Fresssack bezeichnen? Ich finde ihn sehr sympathisch!“ Floh hat in der Zwischenzeit die ganze Küche abgesucht. „Also ich finde hier nirgendwo Plätzchentüten und auch keine Lebertranfläschchen. Wo sind die Sachen bloß?“

In diesem Moment kommt jemand durch die zweite Küchentür von draußen herein. „Runter!“ zischt Biene, und alle werfen sich unter den Küchentisch. Nur Tessa bleibt stehen und starrt die Gestalt an, die eintritt. „Sinterklaas!“ flüstert sie fassungslos. Biene sieht aus ihrer Deckung heraus erst mal nicht viel, sondern hört nur die schweren Schritte, die sich nähern und das Klackern eines Stabes. Dann sieht sie grobe Lederstiefel, über denen ein helles Gewand und ein roter Mantel hängen. Biene wagt sich ein Stück unter dem Tisch hervor und lugt nach oben. Ein Bischofsstab und eine Mitra, einen Sack in der Hand – ist das tatsächlich Nikolaus? Doch die Stimme, die dann erklingt, gehört jemand ganz anderem. „Tessa, was machst du denn so spät hier?“ fragt sie verwundert. Tessa stammelt: „Lieber Sinterklaas, ik… wir…“ Doch da springt Biene unter dem Tisch hervor und ruft: „Das ist Laus!“ Der vermeintliche Nikolaus kriegt einen solchen Schreck, dass er einen Satz rückwärts macht und gegen die nächsten beiden Personen rempelt, die mit bunten Gewändern und schwarz geschminkten Gesichtern die Küche betreten. Nikolaus rudert wild mit dem Stab, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen und fegt dabei eine ganze Reihe Metallschüsseln vom Regal, die scheppernd zu Boden krachen. Doch er stürzt und schon purzeln alle drei auf den Fußboden. Nikolaus hat seine Mitra verloren. Es ist wirklich der Leiter Laus. Er und seine Begleiter versuchen wieder auf die Beine zu kommen, verheddern sich in ihren Gewändern, sie schimpfen und rufen durcheinander. Jetzt kommen auch Floh und Maxi unter dem Tisch hervor und starren auf das Schauspiel, das sich ihnen bietet. Biene möchte zu gerne lachen, weil es so unglaublich aussieht, traut sich aber nicht, denn Laus hat sich jetzt aufgerichtet, bringt seine Gewänder in Ordnung und sieht sauer aus. „Was soll das denn?“ fragt er streng. „Warum lauert ihr uns hier auf?“ Biene merkt, dass ihr Gesicht ganz heiß wird. Bestimmt wird sie rot! Sie macht einen Erklärungsversuch: „Wir sind ja nur in der Küche, weil wir die Sachen für Hummels holen wollten. Er soll auch was vom Nikolaus bekommen und deshalb wollten wir ihm seine Kekse und die Flaschen vor die Tür legen. Aber wir finden sie nicht mehr! Ehrlich, Laus, wir hatten keine Ahnung, dass ihr unterwegs seid. Entschuldige bitte!“ Laus sieht nicht mehr sauer, sondern verblüfft aus. „Ihr sucht Kekse? Waren die in Plätzchentüten verpackt? Und kleine Flaschen mit hübschen Etiketten?“ Er dreht sich zu seinen Begleitern um. „Denkt ihr auch, was ich denke?“ Die schwarzen Gestalten nicken stumm. Man kann wirklich nicht erkennen, welche Leiter es sind. Laus wendet sich wieder den Kindern zu. „Das tut mir leid. Wir dachten, dass es die Kekse sind, die wir auf der Insel verteilen sollten.“ Einer der schwarzen Piets sagt: „Wir machen neue Plätzchen für Hummels. Versprochen.“ „Das ist die Stimme von Katja!“ denkt Biene. Dann erst fällt ihr auf, was Laus da erzählt hat. Auf der Insel verteilt?! „An wen habt ihr die Kekse denn verteilt?“ stößt sie heiser hervor. „Na, an alle wichtigen Leute“, erklärt der zweite schwarze Piet mit der Stimme von Alex zwo. „An den Bürgermeister, den Kapitän der Fähre, den alten Leuchtturmwärter Pieter, die Polizei, die Verkäuferin im Supermarkt, den Hausmeister vom Fußballplatz, den Fahrradverleih, die Mitarbeiter vom Fretpot, den netten Bademeister aus dem Schwimmbad, die Busfahrerin und an Søren Malte, der die Führungen bei der Inselwendemaschine macht. Wir haben sie ihnen vor die Tür gelegt, zusammen mit den kleinen Fläschchen mit Kinderpunsch. Den habt ihr wirklich super hingekriegt!“ „Wieso, hast du eine Flasche probiert?“ fragt Floh fassungslos. „Ne, aber die ganze Küche duftete danach und im Topf war noch ein Rest“, lacht die schwarze Alex-Piet-zwo. Maxi gerät in Panik. „Ihr müsst sofort wieder los! Sammelt alles ein und bringt es zurück!“ kreischt sie. „Aber, aber, Maxi“, meint Laus, der seine Gewänder auszieht. „Ich verstehe, dass ihr euch ärgert wegen der Kekse für Hummels, aber…“ „Das ist Fisch!“ brüllt Maxi mit überschlagender Stimme. „Fischkekse aus Fisch und Lebertran in den Flaschen! Pin-gu-in-fut-ter!“

»Und jetzt?«

Mit einem Mal ist es so still, dass man auf einmal hören kann, wie draußen der Wind um die Hausecken fegt. Laus lässt sich schwer auf einen Stuhl fallen. „Kekse aus Fisch?“ flüstert er ungläubig. „Bei allen wichtigen Leuten der Insel mit einem schönen Gruß von unserer Freizeit?“ Die schwarze Katja scheint unter ihrer Schminke ganz blass geworden zu sein. „Wir können nicht mehr raus und sie zurückholen“, sagt sie zu ihren Mitleitern. „Ich bin froh, dass wir heil im Haus sind.“ „Ist der Sturm so stark?“ fragt Floh. Die Leiter sehen sich an. „Es geht nicht. Nicht in dieser Nacht“, sagt Laus. Biene fragt zaghaft: „Aber wenn wir alle zusammen mit dem Auto…“ „Es geht nicht. Nicht heute“, wiederholt Laus. „Und lasst euch bloß nicht einfallen, alleine rauszugehen. Wirklich nicht.“ Biene versucht es nochmal: „Aber wenn wir…“ „Es geht wirklich niet, Biene.“ Diesmal ist es Tessa, die spricht. „Niet in diese Nacht.“ „Was ist denn bloß los mit euch?“ Selbst Maxi, die immer über alles Bescheid weiß, hat keinen Durchblick. „Ich will es euch erklären“, sagt Laus, nachdem er erneut Blicke mit Katja und Alex zwo getauscht hat. „In den Niederlanden gibt es rund um das Nikolausfest ganz eigene Sitten und Gebräuche“, beginnt er. „Das wissen wir schon von Tessa“, platzt Maxi dazwischen. „Sinterklaas, die Piets als Begleiter, Schiff aus Spanien, das Pferd Amerigo…“  „Das meine ich nicht“, sagt Laus. „Auf den westfriesischen Inseln, zu denen auch Ameland gehört, haben sich so einige Eigenarten mehr herausgebildet. Dazu gehört, dass sich die Männer so verkleiden, dass sie gar nicht mehr zu erkennen sind und draußen feiern. Frauen und Kinder bleiben in den Häusern und feiern für sich. Touristen werden an Sinterklaas eigentlich gar nicht auf die Insel gelassen, weil die Amelander unter sich bleiben möchten. Bei unserer Gruppe haben sie eine Ausnahme gemacht, aber wir mussten versprechen, dass wir an diesem Abend auf jeden Fall drinnen bleiben.“ Biene hat staunend zugehört. Floh grinst: „Aber ihr kommt doch von draußen?“ Laus grinst zurück: „Wir haben schon so viel von dieser merkwürdigen Tradition gehört, dass wir einfach raus mussten. Aber unheimlich war es schon, mit den ganzen maskierten Männern draußen. Wir hatten Glück, dass sie mich als Sinterklaas toll fanden. Wir haben auch nicht gesprochen, damit sie nicht erkennen, dass wir nicht von hier sind und dass auch Frauen dabei sind. Aber ich möchte nicht von der Insel fliegen, weil wir das Fest gestört haben. Wir können nicht mehr raus.“ „Und was machen wir jetzt?“ fragt Alex zwo. Katja erwidert: „Wir gehen morgen los und entschuldigen uns. Vielleicht sind sie nicht sauer, wenn sie hören, dass die Kekse von Hummels sind. Hummels findet jeder toll. Und übrigens: Es ist fünf Minuten nach Mitternacht. Sechster Dezember. Alles Gute zum Namenstag, Laus!“ „Ach ja“, denkt Biene. „Laus heißt Nikolaus.“ Sie stoßen noch mit dem letzten Rest Kinderpunsch auf den Namenstag an. Doch dann gehen alle bedrückt ins Bett. Was werden die Insulaner sagen? Werden sie sich über die Fischkekse ärgern? Hat vielleicht Søren-Malte von der Inselwendemaschine schon hineingebissen und sie dürfen die Führung nicht mehr machen, die er versprochen hatte? Erst nach ein Uhr schläft Biene ein.

»Am nächsten Morgen«

Unsanft wird sie am nächsten Morgen aus dem Schlaf gerissen. Irgendjemand hopst auf ihr herum. Mit einem Ruck richtet sie sich auf und merkt zu spät, dass sie damit Hummels aus ihrem Bett katapultiert. Zum Glück landet er weich – auf Maxis Bett. Die fährt erschrocken hoch, doch Hummels hopst schon wieder von ihrem Bett runter, klettert auf Bienes Bett zurück und reckt den Kopf zum Fenster über ihrem Bett. Biene kniet sich neugierig neben Hummels und schaut ebenfalls hinaus. Draußen ist alles weiß. „Das gibt’s doch nicht! Es hat geschneit!“ ruft sie. Maxi und Tessa wühlen sich aus ihren Betten und kommen ebenfalls herbei. „Waanzin! Das ist super selten auf die Inseln!“ Tessa ist begeistert. „Die Decke von Sneeuw ist ganz glatt. Niemand noch war draußen!“ „Nicht mehr lange!“ ruft Maxi. „Los Hummels, das ist doch dein Wetter!“ Die Mädchen springen in ihre Klamotten und reißen die Zimmertür auf. Vor ihnen auf dem Boden liegen ihre blankgeputzten Schuhe, reich gefüllt mit Süßigkeiten. Maxi stößt einen kleinen Jauchzer aus und drückt ihren Schuh an ihr Herz. Bienes Blick fällt auf Hummels Schwimmflossen. „Seht ihr auch, was ich sehe?“ stößt sie hervor. Mittlerweile hat sich der kleine Pinguin zwischen ihren Beinen durchgearbeitet und schnappt sich flink eine der Plätzchentüten, mit denen seine Flosse über und über voll ist. „Niet!“ ruft Tessa hektisch. „Niet die Plastik fressen!“ Sie zieht Hummels die Tüte aus dem Schnabel und öffnet sie. Ein Fischgeruch erfüllt den Raum. Begeistert macht er sich über die Kekse her. Biene zeigt auf die kunstvolle Fläschchenpyramide neben den Schuhen. „Der Lebertran ist auch wieder da.“ „Dann waren die Leiter doch nochmal draußen. Und uns erzählen sie Schauermärchen“, meint Maxi empört. „Das glaube ich nicht“, meint Biene nachdenklich. „Kommt, wir gehen runter!“

Im Saal schauen sie staunend durch die große Glasfront. Friedlich und weiß liegt die Landschaft vor ihnen, und der Leuchtturm in der Ferne hat sogar eine weiße Mütze aus Schnee auf. Sie blicken eine Weile still nach draußen, bis Biene die Spuren auffallen. Sie fangen mitten auf der Wiese an und führen zum Haus, direkt auf sie zu. Biene schaut genau hin: Es sind Spuren eines Pferdes! „Das kann doch nicht sein“, spricht Floh hinter ihr aus, was sie denkt. Auch ihn hat der Anblick des Schnees aus dem Zimmer gelockt. Sie schieben gemeinsam die schwere Glastür auf. Floh wundert sich: „Wie können die Hufspuren mitten auf der Wiese anfangen? Rundherum ist die Schneedecke unberührt. Heißt das, hier ist ein Pferd hergeflogen? Und hier, direkt vor der Tür kommen noch Fußspuren dazu, als wäre jemand von dem Pferd abgestiegen. Aber keine Spur führt vom Haus weg. Ist es wieder weggeflogen oder haben wir es hier im Haus?“ Die Freunde sehen sich irritiert um. Da kommt Laus herein. Er spricht in sein Handy. „Bitte sehr, das haben wir doch gerne… aber selbstverständlich, wir kommen um zehn. Die Kinder werden begeistert sein. Vielen Dank nochmal.“ Er legt auf und bemerkt erst jetzt die Kinder. „Guten Morgen. Das war Søren-Malte. Ich hatte schon Schlimmes befürchtet, als ich ihn am Apparat hatte, aber er ist total begeistert. Er bedankt sich herzlich für die herrlichen Leuchtturmkekse und den feinen Punsch. Jetzt lädt er uns zu einer Erlebnisführung zur Inselwendemaschine ein. Das verstehe ich nicht! Was für Leuchtturmkekse? Und warum lasst ihr überhaupt so viel Kälte in den Saal?“ fragt er mit einem Blick zur offenen Fensterfront. Er kommt näher und sieht die Spuren im Schnee. „Nicht möglich. Sinterklaas mit Amerigo?“ „Hummels hatte die Fischkekse vor der Tür“, meldet sich Maxi zu Wort. Als er seinen Namen hört, kommt der kleine Pinguin herbei. Schnatternd marschiert er nach draußen in den Schnee und fängt an zu tanzen. Er dreht sich, schlägt mit den Flügelchen, hopst vor und zurück und legt immer wieder den Kopf in den Nacken und guckt zum Himmel. Froh schaut Biene ihm zu. Alles ist gut ausgegangen: Hummels hat seine Leckereien und die Inselbewohner sind gut beschenkt worden. Sie fühlt sich warm, wohl und adventlich, auch wenn alles nur ein Riesenschwindel sein sollte, den Laus sich ausgedacht hat. Aber vielleicht ist doch etwas dran an der Geschichte von Sinterklaas – unserem Nikolaus.

Wer seinem Pinguin zu Hause mal die berühmten Fischkekse von Tessas Tante nachbacken möchte, findet hier das Rezept für 87 Kekse:

Eine Dose Thunfisch im eigenen Saft pürieren. 130g Mehl, 30g Haferflocken, 2 EL Öl, ein Eiweiß und 50 ml Wasser hinzufügen und zu einem Teig verkneten. Dünn ausrollen und kleine Fische ausstechen. Wer kein Fischförmchen zur Hand hat, schneidet den Teig einfach in dünne Streifen und formt die Hufeisen von Amerigo. Die Kekse bei 180 Grad eine Viertelstunde backen.

Ihr backt zu Nikolaus lieber andere Kekse? Dann her mit Euren Lieblingsrezepten unter info@ameland.anner.ruhr!

Eine Antwort

Kommentare sind geschlossen.